“Dreigroschenvideo" - Big Hope
Text: Monika Wucher

Ist die heutige Polarisierung der Gesellschaft vergleichbar mit den Verhältnissen, an denen die Weimarer Republik scheiterte? Miklós Erhardts und Dominic Hislops zweiteiliges “Dreigroschenvideo" legt diese Frage nahe. Es besteht aus Statements von Obdachlosen und Geschäftsleuten im heutigen Ungarn. Die ins Deutsche übersetzten Texte laufen - einem News-Ticker ähnlich - auf zwei einander gegenübergestellten Monitoren, wobei der O-Ton im Hintergrund zu hören ist. Hier äußern sich Personen der beiden im Ungarn der neunziger Jahre neu entstandenen Gesellschaftsgruppen. Die Künstler hatten Gesprächsrunden mit ihnen initiiert und als Anreiz Ausschnitte aus dem Film “Die Dreigroschenoper" (1931)1 gezeigt. Abgefilmt von den Fernsehapparaten des Obdachlosenasyls und des Geschäftsbüros, wo die Diskussionen stattfanden, wiederholt sich in Erhardts und Hislops Video jeweils eine der vier ausgewählten Filmszenen solange, bis die parallel laufenden Statements ein neues Thema anschlagen.

“Es war phänomenal, wie dieser Hit eine ganze Generation beeinflußte.Als die 'Dreigroschenoper' herauskam, war Mackie das Ideal aller Frauen im Land", erinnerte sich der Cutter des Films. Mackie Messer hatte es als Gangsterboß zum Bankdirektor gebracht, dem im Pakt mit den Repräsentanten der Armut und der Exekutive gewinnbringende Zeiten ins Haus standen. Die Wirkungsgeschichte des Films beweist, wie populär um 1930 die Überzeugung war, daß Geschäft und Illegalität zusammengehörten und Armut das Ferment des Ganzen sei. Das “Dreigroschenvideo" nimmt diesen Faden auf - der Pakt ist eine der ausgewählten Szenen - und stützt sich in analoger Weise auf heute verbreitete Ansichten über Reichtum und Armut. Manchmal kommen die Diskutanten dahin, an Veränderungen zu denken. ăIch wüßte, was ich täte, ich würde gerne schreiben", meint eine Geschäftsfrau. Und eine Obdachlose sagt: “Ich sehe nicht, was es für einen Sinn macht, nur zu reden und nichts zu tun." Das ist kein Stoff für filmreife Parabeln übers große Geschäft, auch nicht für stichhaltige Zeitanalysen. Aber es sind Überlegungen, die durch Erhardts und Hislops Moderation in Gang kommen.

Monika Wucher Kunsthistorikerin, Ethnologin, Kuratorin in Hamburg.


1 Der Film, eine Adaption von Bertolt Brechts Stück gleichen Titels (Premiere 1928 in Berlin), ist eine Tobis-Warner-Produktion, bei der G. W. Pabst Regie führte. Das Drehbuch schrieben L. Lania, B. Balázs und L. Vajda.